Von Hamlet und den Hexen

Versuch einer Annäherung an den Roman TAUBENSCHLAG von Tomas Maidan

 

Von Manuela Kellner


Die Geschichte der verhinderten Aufsteigerin Anoje ist das Ungewöhnlichste, was ich seit Langem gelesen habe. Es ist die Tragödie eines großen Zögerns. Maidan schafft mit diesem Erstlingswerk einen Grenzgang zwischen den Genres, wie ich ihn in dieser Form noch nicht erlebt habe.

 

Anoje heißt seine Hauptfigur, die alle Merkmale einer offenen Dramaturgie mit sich trägt. Sie zaudert und grübelt, sucht immerfort die geistige Reflexion, greift nach geistigen Sphären wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsring - und kommt doch keinen Schritt voran. Schlimmer noch: sie weiß nicht einmal, wer sie selbst eigentlich ist. Gibt es für sie im Laufe dieser Geschichte erfreuliche oder katastrophale Entwicklungen? Bereits die Beantwortung dieser Frage gestaltet sich diffizil. Bei Maidan regiert die Dramaturgie einer mehrfach gebrochenen Vergeblichkeit. Anoje scheint in einer alptraumhaften Passivität gefangen zu sein, bei der sie die Welt einzig in der Erleideform erlebt. Ihr wird etwas angetan. Denken ist keine Lösung.

 

Anoje ist Tomas Maidans Hamlet.

 

Doch wie erzählt man eine Geschichte, in der die Hauptfigur sich zu keiner Tat entschließen kann? Eine Figur, die, obwohl geistig rege, bereits in der Unterwelt lebendig begraben scheint? Anoje durchkreuzt mit ihrer Teekanne ihr Reich als die personifizierte Inaktivität; ihr widerfährt die Welt mehr, als dass sie in ihr leben könnte. Und ihre Strategien, auf die andere Seite - in die Welt der Tat - überzuwechseln, sind allesamt von einer rührenden Schwächlichkeit gelähmt. Anoje wartet ab und trinkt Tee. Wie jeder scheiternde Intellektuelle versucht sie, Weltaneignung durch Beobachtung zu betreiben. Sie orientiert sich nach unten und freundet sich mit dem schrecklichen Gnom im Keller an. Reine Kontemplation ist ihre Leidenschaft. Im Beobachten liegt jener voyeuristische Eros, der den Text so mächtig unterspült. "I like to watch" könnte Anojes Motto lauten. Sie sieht den Frauen beim Sex oder beim Kämpfen zu. Selbst in Momenten von größtem Handlungsbedarf, wenn der Gnom zur Mitternacht in ihr Zimmer eindringt, versteckt sie sich hinter dem Paravent. Anoje erstarrt in einer geradezu magnetischen Abstoßungskraft zu Susans Welt der Tat.

 

Anoje schiebt einen Riegel zwischen sich und der Welt; eine Autistin, die sich dabei doch so brennend für die Frage interessiert: Was ist um mich herum überhaupt los? Und doch: etwas trennt. Maidan baut Barrieren überall: Mal blickt Anoje aus dem sicheren Fenster auf die Frau mit der Peitsche, dann wieder von der Brüstung hinab in den Kessel. Dort findet Leben in seiner aktivsten Zuspitzung statt. Kampf und Gewalt - dem größten Kontrast zur Kontemplation und Passivität. Und sogar der Zeit schiebt Maidan einen Riegel vor: Ganze Handlungsstränge werden in Form von Rückblenden erzählt. All in all: lots of bricks in the wall.

 

Diese sonderbare Hingabe, mit der Maidan sich der mental eingemauerten Frau am Katzentisch widmet, kann gelesen werden als künstlerische Überhöhung einer Generation, die einst das Unbestimmte als ihr eigenes Programm entdeckte: Sie entwickelte sich von der Generation X zur Generation Praktikum. Hoffen und Nichtstun, aufblicken und sich selbst klein denken sind ihre "großen Stärken"; ihre Melodie des Lebens plätschert dahin als ein Loop der Passivität. Masochistische Phantasien leuchten dabei als der eine Leitstern auf, kontrastiert von einer Minimal-Music, die von der gestalterischen Kraft des Nichts berichtet. Vor allem aber bleibt die Gewissheit, niemals zur der Welt der kraftvollen Insider wie Susan und Madame aufschließen zu können. So rundet sich dieses psychosomatische Nachtspiel mit einer gewissen Bitterkeit ab.

 

Gleichwohl scheint Maidan die Motive der deutschen Romantik wie liebe Brüder zu begrüßen. Hello darkness my old friend. Maidan liebt die Grimmschen Hexen und er möchte sie in Form von athletischen Kampfsportlerinnen zu neuen, erotisch gewendeten Angstmacherinnen wieder-beleben. Er weiß von jenem urdeutschen Willen zur Nacht, wo die Furcht nichts weniger als Lust bedeutet.

 

Alles finster? Aber nein, denn plötzlich dreht Maidan die Scheinwerfer bis zur totalen Überbelichtung auf. Die Welt IM KESSEL glüht, als habe ein Albert Speer den Blitz von Hiroshima gebändigt und wolle ihn zur Vernichtung aller Schauer-Romantik einsetzen. Bereits die erdrückende Größe des Kessels betreibt das Projekt einer als lustvoll empfundenen Kleinmacherei mit den Mitteln der Architektur.

 


 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tomas Maidan ist ein Kontrast-Künstler. Bis hinein in die lichtgestalterische Ausformung seiner Szenen bewegt er sich immerzu in scharfen Gegensätzen: Schwarz gegen Weiß, Mann gegen Frau, Überbelichtungen gegen Black Out. Die zwei Bücher, die nun vorliegen, sind in deutlich getrennten Blockfarben gestaltet: Der helle, strahlende Kessel, mit der Frau im weißen Karateanzug als (stummer) Protagonistin dominiert den KESSEL. Und danach versetzt TAUBENSCHLAG die Welt in eine Dunkelzone von meta-physischem Ausmaß.

 

Tomas Maidan arbeitete lange Zeit als Licht-gestalter in verschiedenen Theatern. Er kennt Kafka und Brecht, und setzte sie ins Licht. Und auch beim Lesen seiner Texte meinen wir das Knistern einer Licht- und Schatten-werfenden Illusionsmaschine spüren zu können. Dunkelheit versus Erkenntnis sind seine Leitmotive. Immer jongliert der Lichtkünstler Maidan dabei spielerisch mit Begriffen aus der Philosophie. Platons Höhlengleichnis zitiert er, neben zahlreichen Reminiszenzen an Shakespeare, mehrmals: Am deutlichsten in der Schlussszene, wo Anoje den Bildschirm, der die  Wahrheit ihrer Existenz zeigt, selbst nicht sehen kann. Nur indirekt kann sie die Wahrheit an den Gesichtern ihrer Freundinnen ablesen - mit fatalen Irrtümern. Doch wer so routiniert wie Maidan die Regler von Hell auf Dunkel drehen kann, für den kann auch das Licht der Erkenntnis nichts anderes bedeuten als: Ein Schattenspiel. Wer am Regler sitzt, kann die Welt ins Gegenteil verkehren.

 

Mit seiner Einbeziehung von Musik, Licht und Philosophie schafft Maidan nichts weniger als ein prägendes Gesamtkunstwerk seiner Generation. 

 

mk 12/2014